100 jahre freischwinger
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Vor 100 Jahren wurde ein besonderer Stuhl gebaut. Ihm fehlten einige Dinge, die man normalerweise bei Stühlen findet. Er hatte keine hinteren Beine und war auch nicht schwer und klobig. Es war einfach ein Stahlrohr, ein Sitz, ein Rücken und ein bisschen Spannung - und plötzlich stand da ein Stuhl, der nicht einfach nur still stand.
Er schwang.
Der Freischwinger von Mart Stam ist kein bequemer Stuhl. Er versucht nicht, den Raum gemütlich zu machen. Er ist auch kein verstecktes Objekt. Er bringt eine andere Art von Ruhe mit klar, einfach und fast technisch. Deshalb wirkt er bis heute nicht alt.
Viele Stühle nehmen viel Platz ein und bestimmen die Atmosphäre im Raum. Der Freischwinger aber zeichnet den Raum.
Wenn man ihn von der Seite ansieht, merkt man sofort, warum er anders ist. Die Linie des Stuhls läuft nach unten, nach vorne und wieder nach oben. Das Gestell trägt den Stuhl, ohne viel Platz einzunehmen. Der Stuhl hat Gewicht, aber keine Schwere. Er ist konstruiert, nicht dekoriert.
Das ist wahrscheinlich der Grund, warum er in guten Räumen so stark wirken kann.
Er macht keinen Lärm und braucht keine auffällige Farbe oder übertriebene Polsterung. Einfaches Chrom und Leder reichen aus. Der Rest kommt aus der Form und dem Verhältnis von Linie, Fläche und Luft.
Und dann ist da noch die kleine Bewegung, wenn man sich setzt.
Ein guter Freischwinger ist nicht bequem, weil er weich ist. Er ist bequem, weil er leicht nachgibt. Nicht wie ein Sessel, der einen verschluckt. Eher wie ein Gegenstand, der versteht, dass Sitzen Bewegung ist.
Das macht ihn interessant für heute.
In vielen Räumen stehen Möbel, die entweder zu gemütlich oder zu laut sein wollen. Sie haben zu viel Stoff, zu viele Rundungen oder zu viel Absicht. Der Freischwinger ist das Gegenteil. Er bringt eine gewisse Disziplin mit - egal ob am Esstisch, vor einem Schreibtisch, in einer Kanzlei oder in einer Wohnung, die nicht wie ein Einrichtungshaus aussehen soll.
Er ist kein Möbelstück für jeden Raum.
Und genau das ist seine Stärke.
Ein Freischwinger verlangt einiges von seiner Umgebung. Er braucht Klarheit, gute Materialien und einen Tisch, der ihn nicht klein macht. Er braucht einen Boden, der seine Linie trägt, und genug Luft, damit man sieht, was passiert: Ein Stuhl steht im Raum, aber er wirkt, als würde er sich dem Boden entziehen.
Das klingt vielleicht nicht besonders wichtig.
Aber genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Möbelstück und einem Entwurf. Ein Möbelstück erfüllt eine Funktion. Ein Entwurf aber verändert die Vorstellung davon, wie diese Funktion aussehen kann.
Der Freischwinger hat das getan.
Nicht mit Dekoration, nicht mit Größe und nicht mit Luxus im üblichen Sinn. Sondern mit einer Idee, die so einfach wirkt, dass man fast vergisst, wie radikal sie einmal war.
Vielleicht ist das der Grund, warum er nach 100 Jahren noch immer nicht wie ein Stück Vergangenheit aussieht.
Er steht nicht im Raum, um Geschichte zu erzählen.
Er steht dort, weil seine Idee funktioniert.